Neubürger braucht das Land

 

Zuwanderungen sind schon seit Jahrhunderten ein Dauerzustand

 

Das aktuell gewordene Thema über Zuwanderung ist nicht erst jetzt Gegenstand von Debatten. Schon früher waren je nach Wirtschaftslage Zuwanderungen notwendig geworden. Einwanderungen waren vor allem nach der Auszehrung durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) für die Übriggebliebenen eine existenzielle Frage, zeigen die Beispiele aus dem Bachgau.

Übersichtlich wird diese Problematik an den Daten kleiner Gemeinwesen. In Pflaumheim war nach dem Dreißigjährigen Krieg die Zahl der Einwohner von etwa 450 auf unter 100 gesunken. So ist aus dem von Josef Schuck 1937 herausgegebenen Heimatbuch „Pflaumheim im Bachgau“ heraus zu lesen, dass es nach dem Kriege nur ganz langsam aufwärts gegangen ist. Die Statistik vermerkt in den zehn Jahren von 1649 bis 1658 nur neun Eheschließungen und 42 Geburten. Von 1659 bis 1668 waren es elf Hochzeiten und 46 Geburten. Eine Parallele zu heute ist erkennbar.

Von der Regierung gewünscht, setzte bald eine Einwanderungsbewegung in den Bachgau ein: Wenigumstadt, das fast ausgestorben war, wurde 1661 von zahlreichen Familien aus der Gegend um Lüttich und Verviers in Belgien neu besiedelt. Auch in (Groß)Ostheim siedelten sich mehrere wallonische Familien an. Nach Pflaumheim kamen in dieser Zeit ebenfalls immer wieder Zuwanderer. So 1663 aus Österreich, 1668 aus Tungern in Belgien, 1669 aus Linz im Ländel ob der Enns. 1670 kamen Einwanderer aus Villingen, 1689 aus Burglos bei Lüttich, 1700 aus Tirol und 1701 aus Lutter im Eichsfeld.

Nachhaltig bemerkbar machte sich dabei die Einwanderung der Schuler-Sippe aus Wald in Tirol. Die drei Gebrüder Schuler waren fähige Steinmetze, die das in Pflaumheim schon beheimatete Handwerk wieder zur Blüte brachten.

Der bekannteste von ihnen, Johannes Schuler, war von 1724 bis zu seinem Tod am 25. Februar 1730 „im Ansehen seines ehrbaren Wandels und sonstiger Fähigkeiten“ Landschöffe von Pflaumheim. Er plante und baute die Treppe zur Aschaffenburger Stiftskirche. Die Nachkommen bevölkern noch heute sehr zahlreich das Dorf.

Durch diese Einwanderungen und den Geburtenreichtum kam Pflaumheim im Jahre 1707 wieder auf 350 und um 1734 auf rund 380 Einwohner, etwa 20 Jahre später stieg die Einwohnerzahl auf 540 Personen.

Den meisten älteren Menschen noch in Erinnerung sind die Zuzüge nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem der Einzug der Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten im Jahre 1946. Pflaumheim kam damals einwohnermäßig erstmals ganz nahe an die Zweitausendergrenze. Heute sind die „Flüchtlinge“ wie sie fälschlich genannt werden, längst integriert und sprechen den Ploimer Dialekt.

Schon in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts ging die Richtung wieder umgekehrt und die ersten wanderten nach Ungarn aus. Die Österreichische Kaiserin Maria Theresia förderte insbesondere die Besiedelung des Banats. Schuck berichtet, dass 1751 zwölf Personen aus dem Bachgau nach Ungarn verzogen seien und 1766 noch weitere. 1786 wanderte Peter Zahn aus Pflaumheim und Margareta Röder aus Mosbach heimlich nach Soram in Ungarn aus, weil ihrer Heirat Schwierigkeiten gemacht wurden.

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, Pflaumheim hatte um die 1000 Einwohner, es gab kaum Zuwachs „die Ernährungsmöglichkeiten dulden keine Bevölkerungszunahme mehr“ schreibt Schuck. Viele Jahrzehnte lang suchten sich Pflaumheims Töchter und Söhne in der Fremde ihre Existenz. In den aufblühenden Industrieregionen Deutschlands und vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika so Schuck. Lasse sich die Zahl der Amerika-Auswanderer auch nicht mehr genau feststellen, so seien es doch mehrere Hunderte gewesen. Nicht nur junge Leute hätten die Ausreise über das Meer gewagt, sondern auch Familien mit acht Kindern haben in den Staaten ihr Glück gemacht.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg stoppte die ständige Auswanderung. Die aufstrebende Heimschneiderei nahm alle jungen Leute auf und bot Verdienst. Vereinzelte Auswanderungen gab es wieder nach 1945. Aus dieser Zeit und auch noch von früher her, bestehen dorthin verwandtschaftliche Beziehungen.

 

 

In die Mauer des Pflaumheimer Friedhofs eingebaut ist der sehr stark verwitterte Grabstein „Anno 1730“ des im Jahre 1700 aus Tirol eingewanderten Steinmetz Johannes Schuler, „gewesener Churfürstlicher Meintzischer Landschöpf allhier ein gewöhnlicher (bekannter) Liebhaber der Argidectur und Baumeister“.

Diesem noch vorhandenen Grabmal hat sich der Geschichtsverein Pflaumheim angenommen und von dem einheimischen Natursteinbetrieb Zahn, nach einer vorhandenen Photographie, ein neues Grabmal anfertigen lassen, das am Sonntag, dem 5. Juni 2016 von dem damaligen Pflaumheimer Pfarrer Wollbeck den kirchlichen Segen erhalten hat.  

 

 

 

Text: Lothar Rollmann, Herbert Rachor

Bild: Herbert Rachor

 

 

 

 

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